04.03.2008
Rafael Fuchsgruber finished Libyan Challenge

190 km nonstop durch die Sahara oder 60% Physis – die restlichen 90% sind mental.


    vor dem Start von links: Volker Voss, Rafael Fuchsgruber, Markus Fischer und Frank Bez

Unser Hennefer Tri Power Kollege Rafael Fuchsgruber (also ich) – bekannt für schlechtes Schwimmen aber langes Laufen - machte sich Anfang März auf nach Libyen. Nach der Teilnahme beim Marathon des Sables in 2007 ging es dieses Jahr in den libyschen Teil der Sahara. Die Anreise war schon der erste Marathon. Samstagnachmittag nach Paris – Sonntagmorgen um 2:00 Uhr Treffen am Airport zum Weiterflug nach Libyen und von dort 600 km mit dem Bus durch die Wüste. Sonntagabend kamen wir dann endlich am Fuße des Akakusgebirges in der Nähe von Ghat an. Montag gab es die üblichen Kontrollen bei diesen Läufen. Es geht um den Nachweis der Pflichtausrüstung wie Leuchtrakete, Schlangebissset, Schlafsack, 7000 Kalorien Proviant, Trillerpfeife, GPS Gerät etc. Untergebracht waren wir auf einem Campingplatz in kleinen Lehmhütten.
Die Teilnehmer sind bunt gemischt und kommen vor allem aus Europa; die meisten sind sehr erfahrene Ultraläufer. Nach Aussagen der Laufspezialisten, die auch schon den Bad Water Ultramarathon etc gemacht haben, ist Libyen eines der anspruchvollsten Rennen überhaupt: Strecke190 km ca. 5000 Höhenmeter, Untergrund Sand oder Steine, Temperaturen über 40 Grad tagsüber (Angaben im Schatten, den es aber nicht gibt) und 3 Grad nachts (im Schatten), Checkpoints alle 20 km zur Wasserversorgung und für ärztliche Hilfe, Laufen mit Rucksack ca. 7 kg plus 3 Liter Wasser. Der Lauf ist ohne Markierungen und wir folgen alle unseren GPS Geräten. 84 Wegpunkte ergeben die Gesamtstrecke, die dann doch etwas länger als 190 km wird, da das GPS die Entfernung in Luftlinie angibt, dies funktioniert aber im Gebirge nicht immer in einer geraden Linie.
Am Dienstagmorgen um 10:00 Uhr war Start und mein Freund Volker Voss ( AK 65 ) und ich starteten als letzte hinter dem Läuferfeld mit einem gemeinsamen symbolischen Sprung über die Startlinie. Nach 45 min trennten sich unsere Wege aufgrund des unterschiedlichen Tempos mit einer herzlichen Verabschiedung. Danach lief ich über Mittag mit einem libyschen Läufer, um mich dann einem kleinen franz. Team anzuschließen, die alle bereits mehrfach unter den Top ten bei diesem Lauf gefinished hatten. War mir am Anfang noch nicht klar, ob ich das Rennen ohne Schlaf durchlaufen könnte, wurde mir in den Gesprächen mit den Franzosen deutlich, dass ich ja genau deswegen gekommen war und es nun auf jeden Fall versuchen wollte. In der Vorbereitung zu diesem Lauf war es mir nie gelungen eine Taktik für die Gesamtstrecke zu entwickeln. Der Plan 190 km am Stück zu laufen, überschritt immer die Grenzen meiner Vorstellungskraft und das, obwohl ich bei den vielen Trainingskilometern im Winter sehr viel Zeit hatte, genau über dieses Thema nachzudenken. Die Franzosen verlor ich am Abend an einem Kontrollpunkt und lief von dort an weiter mit Marzia Bonavita – eine Frau so schön wie ihr Name! Marzia ist eine sehr erfahrene Läuferin aus Italien (AK 35) die bereits den Boa Vista Ultramarathon (150 km nonstop) bei den Frauen gewonnen hat. So ging es für uns laufend u marschierend durch die Nacht – GPS gestützt und nur selten verirrt, aber doch ein wenig blind, mühten wir uns durch Geröllfelder und Sanddünen. Letztere sind in der Nacht besonders unangenehm – versucht man tagsüber entlang der Dünenkämme oben zu laufen, wird nachts jede Düne einzeln von unten nach oben abgewandert. Es geht immer nur geradeaus nach dem Pfeil auf dem GPS. Die Stirnlampen reichen mit ihrem Lichtkegel nicht sehr weit und auch die mitgeführte Handtaschenlampe kann nicht entscheidend weiterhelfen. Der weiße Sand reflektiert das Licht so, dass ein Relief schwer zu erkennen ist. Also ging es rauf und runter…das senkte die Durchschnittsgeschwindigkeit enorm. Die erste gemeinsame Nacht mit Marzia ging dann irgendwann dem Ende zu und sehr erfreulich war die Rückkehr des Lichtes und etwas später auch der Wärme – nachts war es sehr kalt. Ein kurzer Kaffee am Checkpoint, es wurde im Lauftempo wieder Fahrt aufgenommen und die Laune stieg mit dem Sonnenstand. Im Gegensatz zum Marathon des Sables in Marokko ist dieser Teil der Wüste enorm schön - sehr viel skurriler und beeindruckender. Bilder und alles weitere dazu unter www.libyanchallenge.com

Im Wechsel versuchen wir uns bereits am Nachmittag des zweiten Tages die nächste Nacht schön zu reden und rechnen schon mal unsere Zielzeit aus (auch in schön!). Seit Stunden ist weder vor uns noch hinter uns ein Mensch zu sehen. Das Laufen wird immer anstrengender, die Aufnahme von Salz und Wasser wird immer schwieriger. Der Körper will nicht mehr essen oder trinken und wir müssen uns gegenseitig immer wieder daran erinnern. Der Rucksack fordert seinen Tribut bei mir und Marzias Füße rufen bei jedem Checkpoint nach dem Arzt – so finde ich Zeit für kurze Rückenmassagen. Den späten Nachmittag laufen wir über ein Hochplateau und zum ersten Mal spüren wir nach über 30h laufen auch die Hitze. Am Ende des Weges die Freude, dass der nächste Checkpoint laut GPS 800 Meter vor uns liegt und die Enttäuschung, dass wir oben an der Klippe stehen und die 800 Meter Luftlinie hinunter ins Tal bedeuten, für die wir im Rahmen des Abstieges mehr als 60 Minuten brauchen werden. Niederlagen, die man wegstecken muss. Im Nachhinein betrachtet, war das der Punkt an dem das Rennen erst wirklich begann. Der Umgang mit der Zeit und mit der immer geringer werdenden Geschwindigkeit schien das Ziel stündlich unerreichbarer zu machen.
Es beginnt die zweite Nacht und es sind eigentlich nur noch 40 km bis zum Camp. Aufgrund der Erschöpfung setzt uns die Kälte immer mehr zu. Der Rest der Strecke besteht aus einem ehemaligen sandigen Flusstal, das allmählich in eine nicht enden wollende Dünenlandschaft übergeht. Was folgt ist eigentlich im Nachhinein nicht mehr genau zu beschreiben. Marzia und ich schlafen mittlerweile im Gehen. Mal unfreiwillig, was auffällt, wenn man dann nach rechts od. links vom Weg abdriftet. Mal schlafen wir mit einem Trick, den ich von ihr gelernt habe – einer ist wach und hält den anderen an der Hand oder im Arm, während dieser für einige Minuten die Augen schließen kann – das funktioniert und hilft ein wenig.
Unsere geplante Ankunft in der 2. Nacht gegen Mitternacht rückt in weite Ferne und unsere Geschwindigkeit liegt mittlerweile in den Dünen bei unter 3,5 km/h. Marzia haben wir in die goldene Alurettungsdecke eingewickelt, weil sie so friert – sieht schick aus und erinnert an den Wiener Opernball oder einen Weihnachtsbaum. Mir macht mein linkes Bein seit Beginn des Abends schwer zu schaffen und es ist aufgrund der Schmerzen nicht mehr an Laufen zu denken. Wir marschieren. Mittlerweile vollkommen erschöpft nennt Marzia mich Paolo (so heißt ihr Mann) und ich spreche gelegentlich deutsch mit ihr, ohne es zu merken. Unser Entschluss gemeinsam zu finishen steht seit nachmittags fest und wir kämpfen uns langsam und noch langsamer durch die Dünen. Die Anstrengungen zu beschreiben ist unmöglich und die Gedanken werden immer wilder. Die üblichen Fragen, die wir alle kennen…warum bin ich hier und nicht auf dem Sofa, ich laufe definitiv nie wieder, ich werde wohl doch mit dem Schwimmen anfangen… sind noch die harmlosen.
Es ist mittlerweile kurz vor 6:00 morgens. Die letzte Düne kostet mich dann einige Purzelbäume, da das linke Bein so sehr angeschwollen ist, dass ich gehe wie Dr. House – nur ohne Stock! - und Marzia ist am Erfrieren. Sie kann nicht mehr stehen bleiben und geht eine Minute vor mir durchs Ziel. Eine Teambetreuerin kommt mir entgegen und wir gehen Hand in Hand ins Ziel – ohne ein Wort zu wechseln. Der Veranstalter Jean Marc steht im Ziel und gratuliert. Marzia ist auf Platz 12 und ich auf dem 13. Platz der Gesamtwertung. Sie wurde somit drittbeste Läuferin der Libyan Challenge 2008.
Das Hurra, die geballten Fäuste in den Himmel fallen aus. Eine unglaubliche Genugtuung und gleichzeitig das Gefühl von totaler Leere und Erschöpfung, wie ich es noch nie vorher empfunden habe.
Bei der Anmeldung zu diesem Lauf wusste ich nicht, wie das funktionieren könnte und ich kann nun mit dem Abstand einiger Wochen auch nicht mehr sagen, was es möglich machte.

Neben dem sportlichen Aspekt, den ich bei dieser Form von Lauf gar nicht so betonen will, ist das Ganze eine Art wunderbare Expedition zu bisher unbekannten eigenen Grenzen und die Wüste mit ihren Bildern, Landschaften und dem unglaublichsten Sternenhimmel, den man sich nicht mal ausdenken könnte, tut ihren Teil dazu.


Statistik
Es waren 109 Teilnehmer aus Europa und Nordamerika angereist. Mit den afrikanischen Läufern waren es insgesamt 130 Starter - von denen 70 Läufer/innen ins Ziel kamen. Die Ergebnislisten im Netz sind nicht vollständig, da Aufgeben in einigen Regionen der Welt als Schande gilt. Zielzeit von Marzia und mir 43:40h.
Der Gewinner Sebastien Chaigneau brauchte knapp 32 h – die letzten Läufer kamen mit 73 h ins Ziel.
Im Ziel wurde von den Ärzten in meinem Bein eine Thrombose diagnostiziert – ich war beruhigt, dachte unterwegs schon, dass ich mich diesmal ein bisschen arg anstelle….

PS: Den lächelnden Volker habe ich am nächsten Morgen im Ziel in Empfang genommen. Volker war nicht ganz so schnell, da der Lauf für ihn eine besondere Form des Trainings für den Marathon des Sables darstellte – der Hund ist einfach 4 Wochen später beim nächsten Wüstenlauf gestartet (240 km – in 6 Etappen ) und auch wieder gut gelaunt angekommen – AK 65 – Chapeau!

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